Wichtige Frage zu OK Oder-Strukturen

"Wie funktioniert .... ?"

» Mo 8. Jun 2015, 12:33

Hallo!

Innerhalb meiner Lerngruppe kam es zu einer Diskussion bzgl. der Onlineklausuren: Wenn ich innerhalb einer Oder-Struktur verschiedene Punkte durch Vorüberlegungen ausschließen kann, muss ich diese dann zwingend verneinen oder kann die einfach unbeachtet lassen?
Gestern z.B. im Rahmen der OK habe ich sofort den relevanten Punkt erkannt (so hoffe ich zumindest), diesen habe ich entsprechend markiert (verneint), alle anderen Punkte habe ich nicht beachtet, da nicht zutreffend, d.h. nicht verneint.
Nun gibt es innerhalb meiner Lerngruppe zwei Meinungen, die wie oben beschrieben und die, dass man alle nicht relevanten Punkte bei Oder-Strukturen verneinen muss, wenn sie nicht zutreffen.
Das wundert mich, so bin ich noch nie vorgegangen. Gibt es diesbezüglich eine klare Richtlinie? Ich habe die Befürchtung, dass wenn ich zuviel Punkte markiere bzw. auf nein setze, dass es als Abweichung vom Muster und damit zu einer schlechteren Note führt. Meine letzten OK in WP2 waren häufig mangelhaft, kann es daran gelegen haben, dass ich nicht relevante Punkte innerhalb der Oder-Struktur nicht verneint habe?

Ich habe mir sogar GdR diesbezüglich nochmal angehört, so eindeutig habe ich die Vorgehnsweise aber nicht verstanden.

Für eine kurzfristige Rückmeldung wäre ich dankbar, da ich einige OK noch vor mir habe.

Vielen Dank

Stefan Hildebrandt
sh1977
 
Beiträge: 66

» Mo 8. Jun 2015, 12:52

Hallo Stefan,

ich glaube, es ist so: Wenn es sich bei den Oder-Strukturen um positive TBM handelt (also keine Negationen mit Doppelstrichlinie), dann werden nur die markiert und geprüft, die auch wirklich in Betracht kommen.

Wenn es sich jedoch um Negationen als Oder-Verknüpfungen handelt (z.B. die verschiedenen Kondiktionssperren im Bereicherungsrecht), dann müssen alle angesprochen und verneint werden. Denn der Unterschied hierbei ist, dass der Anspruch nur dann besteht, wenn alle diese TBM nicht vorliegen. Deshalb müssen auch alle geprüft werden. Das ist bei positiven TBM nicht der Fall. Hier genügt das Vorliegen eines TBM, damit das Ober-Merkmal bejaht werden kann.
Wenn jedoch eines dieser negativen TBM bejaht werden kann, müssen die übrigen natürlich nicht mehr gepüft werden. Denn dann ist der Anspruch bereits nicht gegeben.

Falls ich falsch liege, bitte korrigeren.

Lieben Gruß,
Tayfun
Tayfun
 
Beiträge: 75

» Mo 8. Jun 2015, 14:13

Hallo!

Danke für die Rückmeldung.

In meinem Fall habe ich aber ja das relevante TB "verneint", das theoretisch hätte passen können. Ich habe es aber verneint, weil eine Bedingung (Fälligkeit) nicht erfüllt war. Alle anderen TB hätten nicht zugetroffen, daher habe ich diese ignoriert (nicht verneint). Wenn ich ein TB bejaht hätte, wäre es logisch gewesen die anderen TB nicht weiter zu beachten. Jetzt sieht es aber ja so aus, als wenn ich mir über die nicht zutrefffen TB keine Gedanken gemacht hätte.

Also: Alle TB die relevant sind - egal ob ich es bejahe oder verneine - bearbeite ich, den Rest lasse ich links liegen (mit Ausnahme der Negationen). Hab´ ich doch richtig verstanden, oder?

Gruß

Stefan
sh1977
 
Beiträge: 66

» Mo 8. Jun 2015, 19:32

So habe ich es bisher in den OKs gemacht, und hoffe, das war richtig :)
Tayfun
 
Beiträge: 75

» Do 11. Jun 2015, 08:38

Bei den UND-Strukturen ist die Angelegenheit klar: Auf diese sog. notwendigen Bedingungen einer Begründung muss eingegangen werden, solange sich aus einer Negation nicht schon eine endgültige Verneinung ergibt, so dass es auf die weiteren Punkte nicht mehr ankommt.

Bei der ODER-Struktur müsste es eigentlich entsprechend umgekehrt sein. Aber hier haben die Juristen eine etwas "besondere" Logik entwickelt. Bei streng logischer Anwendung müsste für eine Verneinung aus einer ODER-Struktur auf alle Möglichkeiten eingegangen werden, bis feststeht, dass keine der Möglichkeiten zutrifft, wenn es insgesamt um eine Verneinung geht. Von dieser Regel lösen sich die Juristen jedoch, weil sie effizient arbeiten möchten. Daher wird im Einzelfall (!) von jedem Bearbeiter entschieden, welche Voraussetzungen der ODER-Struktur überhaupt relevant sind und welche nicht. Die nicht relevanten Möglichkeiten werden einfach ignoriert. Sie könnten auch rot gefärbt werden, wenn sie nicht vorliegen und deshalb bestehen hier zwei Varianten, die beide richtig sind. 1. Die nicht relevanten Voraussetzungen in einer ODER-Struktur werden schlicht nicht angesprochen (bleiben also weiss) oder sie werden rot gefärbt, wenn sie nicht zutreffen, aber für relevant gehalten werden. Relevante und zutreffende Voraussetzungen werden selbstverständlich grün gefärbt, aber hier ist zu bedenken, dass sich in einer ODER-Struktur die Relevanz danach richtet, ob zuvor schon ein Grün vergeben wurde. Dann kommt es bei einer ODER-Struktur auf weitere Grünfärbungen eben nicht mehr an. Das ist die umgekehrte Situation zur Rot-Färbung bei der UND-Struktur. Anders als dort ist es bei der ODER-Struktur aber erlaubt, weitere Grünfärbungen zu setzen, wenn sie für relevant gehalten werden. So können bei § 823 I BGB durchaus mehrere Rechtsgüter als "betroffen" grün markiert werden. Eine Beschränkung auf nur eine Möglichkeit ist nicht notwendig.

Insgesamt freue ich mich, dass so tief nachgedacht und darüber auch diskutiert wird. Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, die Prämisse über Bord zu werfen, es gäbe nur eine Lösung. Am Ende gibt es zwar eine Methode, die die vielen Spielarten erklärt, aber sie ist dann etwas komplexer, als den Studierenden zu Beginn zugemutet werden soll. Bei Nachfragen (wie hier) wird das aber gerne erklärt.

Ich hoffe, die Erläuterung ist verständlich. Ansonsten bitte gerne hier im Forum nachfragen, was noch unklar ist.
gez. Prof. Dr. iur. Tony Möller
- Studiengangsleiter -
Prof. Moeller
 
Beiträge: 1168

» Do 11. Jun 2015, 08:41

... die OKs sind da ziemlich tolerant, was die Bewertung der verschiedenen möglichen Spielarten angeht. Keine Sorge, sie sind für sog. multible Lösungsräume ausgelegt.
gez. Prof. Dr. iur. Tony Möller
- Studiengangsleiter -
Prof. Moeller
 
Beiträge: 1168


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